Wenn die Wissenschaft schmunzelt – kuriose Fundstücke aus den Fachreferaten der TIB
Wissenschaft ist bekanntlich eine ernste Angelegenheit. Monografien mit nüchternen Titeln, Aufsätze voller Formeln, Tabellen und Fußnoten prägen den Arbeitsalltag in den Fachreferaten der TIB. Und doch: Wer regelmäßig neue Titel sichtet und für den Bibliotheksbestand auswählt oder Geschenke überprüft, weiß, dass sich zwischen all der fachlichen Strenge hin und wieder kleine Überraschungen verbergen.
Manchmal ist es ein Buchtitel, der unerwartet blumig daherkommt. Manchmal ein Thema, dessen Existenz man nicht geahnt hätte. Und manchmal fragt man sich schlicht schmunzelnd, wie genau dieses Werk seinen Weg in einen wissenschaftlichen Bibliotheksbestand gefunden hat – sei es durch gezielte Auswahl, Schenkungen oder kuriose Zufälle.
Passend zur närrischen Jahreszeit laden wir im Februar dazu ein, mit uns einen Blick auf genau diese besonderen Fundstücke zu werfen. In diesem Beitrag stellen verschiedene Fachreferent:innen der TIB Werke vor, die ihnen im Arbeitsalltag ein Lächeln entlockt haben – ohne den wissenschaftlichen Anspruch aus den Augen zu verlieren. Denn selbst zwischen Fachliteratur und Formalia ist Platz für Humor. Helau!
Fritz Eggelsmann: Schweisser-Brevier – lehrreiche Reime für Autogenschweißer und die, die es werden wollen
„Gar manches wurde schon geschrieben
Von der edlen Schweißerei
Und es ist – nicht übertrieben –
Stets wissenswert und immer neu“
Fritz Eggelsmann: Schweisser-Brevier
Mit diesen gereimten Zeilen beginnt das „Schweisser-Brevier“ von Fritz Eggelsmann. Und wer nun vermutet, es handele sich lediglich um einen poetischen Auftakt, irrt: Das gesamte Werk ist in Reimform verfasst. Spätestens beim ersten Durchblättern sorgt das für ein ungläubiges Schmunzeln – denn gereimte Fachliteratur begegnet einem im bibliothekarischen Alltag eher selten.
Was auf den ersten Blick an Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ erinnert, entpuppt sich auf den zweiten als durchaus ernstzunehmendes, wenn auch unkonventionell gestaltetes Fachbuch. Inhaltlich widmet sich das Schweisser-Brevier dem Autogenschweißen beziehungsweise Gasschmelzschweißen. In Versform werden Themen wie unterschiedliche Schweißgase, die korrekte Handhabung der Ventile an Gasflaschen sowie verschiedene Schweißtechniken erläutert – fachlich fundiert und erstaunlich umfassend.
Das Buch erschien 1972 und fand seinen Weg in den Bestand der TIB im Rahmen einer Bestandsübernahme aus dem Institut für Schweißtechnik der TU Braunschweig. Ein schönes Beispiel dafür, dass technische Präzision und sprachlicher Witz sich nicht ausschließen müssen.
Neugierig geworden? Hier geht es zum Eintrag des Werkes im Portal der TIB.
George Schneider: The book of choice ferns for the garden, conservatory, and stove describing and giving explicit cultural directions for the best and most striking ferns and selaginellas in cultivation
Im Farnfieber des 19. Jahrhunderts wurden Farne und entsprechende Motive über alle Gesellschaftsschichten hinweg gesammelt. Ob nun in Form von Keramiken, Textilien, Skulpturen, als Verzierung auf Grabsteinen oder als gepresste Farnwedel in Alben – kaum jemand wurde nicht von der Pteridomanie erfasst, wie dieses Phänomen bezeichnet wurde.
Dabei stand Pterido(phyta) für Gefäßsporenpflanzen bzw. Farnartige Pflanzen und Manie für übertriebene Leidenschaft. Immer neue Farnbücher wurden veröffentlicht, so auch von George Schneider (29. März 1848 bis 2. Januar 1917), dem langjährigen Kulturchef der damals sehr bekannten Baumschule Veitch & Sons in London.
Zwischen 1892 und 1894 erscheint sein dreibändiges Werk „The book of choice ferns for the garden, conservatory, and stove describing and giving explicit cultural directions for the best and most striking ferns and selaginellas in cultivation“, das die TIB in einer seltenen Goldschnitt-Ausgabe im Bestand hat.
Neugierig geworden? Hier geht es zum Eintrag des Werkes im Portal der TIB: Band 1, Band 2, Band 3
Online sind die Bände auf der Seite der Biodiversity Heritage Library zu finden.
Carl Salomon: Wörterbuch der Botanischen Kunstsprache: für Gärtner, Gartenfreunde und Gartenbauzöglinge
Seit 1881 hat Carl Salomon, Könglicher Garteninspektor in Würzburg, das „Wörterbuch der Botanischen Kunstsprache: für Gärtner, Gartenfreunde und Gartenbauzöglinge herausgegeben“:
„Verfasser und Verleger der vorliegenden Schrift begegneten sich in dem Wunsche, den Freunden der Pflanzenkunde ein bequemes Taschenbuch zu binden, welches eine Auflistung der gebräuchlichen Kunstausdrücke der botanischen Wissenschaft in alphabetischer Übersicht bietet.“
(aus dem Vorwort der ersten Aufalage von 1881)
Die TIB hat die 4. Auflage von 1899 aus dem Bestand der Bibliothek des Instituts für Zierpflanzenbau der Leibniz Universität Hannover übernommen. Es ist die letzte von Salomon selbst bearbeitete Auflage, die er im Dezember 1898 fertigstellte. Er starb kurz danach, am 7. Februar 1899, im Alter von 69 Jahren.
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Kate Daudy & Kostya Novoselov: Wonderchaos // Kip Thorne & Lia Halloran: The warped side of the universe
Das ein oder andere ungewöhnliche Werk ist in unserem Bestand gelandet, weil renommierte Autoren – insbesondere Nobelpreisträger – ihre wissenschaftliche Arbeit mit weiteren Interessen verbunden haben.
So ist Kostya Novoselov (Nobelpreis 2010 für die Entdeckung des Graphens) Co-Autor eines Werkes der Künstlerin Kate Daudy mit dem schönen Titel Wonderchaos, in dem unter anderem nummerierte Schafe als Zufallszahlengenerator durch die Bilder laufen.
Der Nobelpreisträger Kip Thorne (Nobelpreis 2017 für seine Beiträge zum Gravitationswellendetektor LIGO) ist in seinem Buch The warped side of our universe: an odyssey through black holes, wormholes, time travel, and gravitational waves mit Prosagedichten zu Schlaglichtern seines Forscherlebens selbst zum Künstler geworden.
Wer selbst Gedichte zur Physik schreiben will, kann sich mit The poetry of physics vorbereiten. „The final section provides practical guidance on crafting your own physics-inspired poetry, encouraging active participation in this tradition of blending scientific and artistic inquiry.“ In diesem Sinne: Los geht‘s!
Mary Beth Norton: I humbly beg your speedy answer
Im Mai 1691 erreichte die Redaktion der Londoner Zeitschrift „The Athenian Mercury“ die folgende Frage einer anonymen Leserin:
„A young man from the city made his addresses to a country gentlewoman for nearly a year and gained her affections. But afterward he slighted her without any explanation. She is a very beautiful and virtuous young lady who has been and still is in love with him to such a degree that her life is despaired of. Is this gentleman, knowing he is the cause of her illness, obliged to marry her in conscience?“
Zweimal wöchentlich erschienen im Laufe der 1690er-Jahre neue Ausgaben dieser Zeitschrift, in denen eine anonyme Leserschaft die Redaktion um den Verleger John Dunton um Rat in Beziehnungsdingen bat.
Ursprünglich war sie für die Beantwortung von Leserfragen zu ganz anderen Themen angelegt gewesen – etwa rechtliche oder medizinische Fragen, doch schon bald nach dem ersten Erscheinen häuften sich Fragen privater Natur:
- How shall a man know when a lady loves him? (Mai 1691)
- Is interrupting discourse by repeated kisses rude and unmannerly? (Oktober 1691)
- How may a true lover be distinguished from a false one? (August 1695)
„The Athenian Mercury“ gilt damit als die weltweit erste Ratgeberkolumne – und erfreute sich großer Popularität. Die us-amerikanische Historikerin Mary Beth Norton hat in ihrem 2025 erschienenen Buch „I humbly beg your speedy answer” eine kuratierte Auswahl dieser Fragen und Antworten zusammengestellt. Der Titel eröffnet einen wunderbaren Einblick in die Gefühlswelten eines früheren Jahrhunderts und in die Anliegen der Menschen in Sachen Partnerwahl, Ehe, elterlicher Zustimmung oder deren Umgehung, außerehelichen Affären und vielem mehr.
Wer Ratgeberkolumnen liest, wird Vergnügen an diesem Buch finden. Wer sie nicht liest, hat hiermit Gelegenheit sich davon zu überzeugen, wie langlebig und produktiv dieses kleine Genre ist.
Doch was rieten nun die „Athenians“ der verzweifelten Fragestellerin? Ihre knappe Antwort sei hier nicht vorenthalten:
„He is obliged in honor and conscience to marry her, but we think the lady happier without him than she could be with such an inconstant lover.“
Neugierig geworden? Hier geht es zum Eintrag des Werkes im Portal der TIB.
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