Botox für die Gewerkschaft (II)
Jund, mutig, vielfältig — Sechs junge Mitglieder erzählen, was sie bewegt, was sie überrascht hat – und wie es sich anfühlt, plötzlich mittendrin zu sein statt nur nebenher zu scrollen.
Fast jedes zweite neue Mitglied ist heute unter 35. Die „Neuen“ bringen frische Perspektiven und neue Formen des Aktivismus mit – von Meme-Kampagnen, bis Reddit-Vernetzung und Boots-Protesten. Sie kamen aus Wut, Neugier oder Solidarität – und sind geblieben. Sechs junge Mitglieder erzählen, was sie bewegt, was sie überrascht hat – und wie es sich anfühlt, plötzlich mittendrin zu sein statt nur nebenher zu scrollen
Ganimete (39), Reinigungskraft in der Charité, CFM Berlin
Ich habe vier Kinder. Mein Sohn und meine zweite Tochter fanden es gut, als ich mich gewerkschaftlich engagiert habe – sie sagten: “Mama, gut, dass du das machst.” Meine Tochter macht gerade eine Ausbildung zur Pflegefachkraft, sie weiß, was das bedeutet. Mein Mann dagegen hatte viele Fragezeichen – er hatte Sorge, dass ich durch den Streik Nachteile im Job bekomme.
Später, als er die Videos von der Konferenz sah, auf der ich eine Rede gehalten habe – das war bei der Rosa-Luxemburg-Veranstaltung, einem großen Gewerkschaftstreffen – hatte er Tränen in den Augen. Ich sprach dort vor etwa 2.000 Menschen.
Ich arbeite seit 2013 in der Charité, im Facility Management, also der Reinigung der Stationen. Ich reinige Patientenzimmer, Betten, Nachttische, Toiletten, entsorge Müll, wechsle Wäschesäcke, fülle Seife, Desinfektion, Hand- und Toilettenpapier auf. Es muss hygienisch und ordentlich sein, damit sich Patient*innen wohlfühlen. Und es ist auch wichtig für die Pflegekräfte – sie brauchen einen sauberen Arbeitsplatz, damit sie ihren Job machen können.
Mein erster Kontakt mit der Gewerkschaft kam über die “Pausentreffen”, die als Vorbereitung für den Streik zur Tarifrunde der CFM stattfanden. Im Dezember sagte ich zu meiner Kollegin Schukran: “Ich will diesmal mitmachen beim Streik. Und ich will Mitglied werden – für mehr Sicherheit und Schutz.”
“Da hat sich einfach etwas in mir angestaut, in meiner Brust gebrannt. Zu Hause spare ich Energie, damit ich auf der Arbeit alles geben kann.”
Da hat sich einfach etwas in mir angestaut, in meiner Brust gebrannt. Ich arbeite hart, gebe mir Mühe. Zu Hause spare ich Energie, damit ich auf der Arbeit alles geben kann.
Es ging mir um mehr Wertschätzung und Gerechtigkeit. Wir sind genauso wichtig wie alle im Krankenhaus – Professorinnen, Ärztinnen, Pflegerinnen, Direktorinnen. Manchmal wurde man wie eine Person zweiter Klasse behandelt. Aber ohne uns läuft es nicht. Und ohne die anderen auch nicht.
Es war hart, wir waren wochenlang im Streik. Einmal traf ich meine Teamleiterin auf dem Parkplatz und sie fragte: “Na Ganimete, kommst du auch mal wieder arbeiten?” Ich sagte: “Ich komme wieder, wenn wir hier fertig sind.” Wir lachten beide. Ich blieb einen Monat durchgehend im Streik. Mit Erfolg. Ich bin sehr stolz.
Warum ich bei ver.di bleibe? Weil es weitergeht. 2027 kämpfen wir wieder – diesmal für die Pflegekräfte im öffentlichen Dienst. Das ist Solidarität: Sie haben uns unterstützt, jetzt unterstützen wir sie.
Dieser Beitrag von Protokollantin Rita Schuhmacher ist eine Übernahme aus ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.