„Nachts wollte ich mein Zimmer verlasen, um über den Flur zu laufen.“ (Chantal Akerman)
Sobald alles im Haus zur Ruhe gekommen war, sobald kaum noch Geräusche zu mir drangen, nicht von den Nachbarn oben oder unten, nicht von den anderen Bewohnern in den angrenzenden Zimmern, überfiel mich eine kaum zu bändigende Unruhe. Ich war plötzlich wieder das kleine Mädchen, das überall Geister und Gespenster sah, das auch der Lichtstrahl durch den Türspalt nicht zu trösten vermochte. Als ich klein war, vielleicht fünf oder auch erst vier Jahre alt, hatte ich allen Mut zusammengenommen und war aus dem Zimmer gelaufen in Richtung der Stimmen. Unten saßen die Erwachsenen und oben stand ich mit meinem Teddy im Arm und verlangte schluchzend: Hier soll ein Mensch sein. Später wurde diese Geschichte immer wieder als Anekdote erzählt und alle lachten. Ich liege hier und denke daran wie mutig ich gewesen bin als kleines Kind, und dass ich es jetzt einfach nicht wage über den Flur zu laufen. Ich könnte mir einen Splitter in die nackten Füße rammen (realistisch). Ich könnte in die Verlegenheit kommen, erklären zu müssen, warum ich hier über den Flur geistere (mäßig wahrscheinlich). Ich könnte mich beruhigen durch das Auf- und Abgehen, mit dem ich dem Spuk signalisieren würde, dass er sich verziehen soll (sehr unrealistisch aber wünschenswert). Ich stelle eine Rechnung mit diesen drei Möglichkeiten auf. Ich versuche zu einer Lösung zu kommen, aber es ist verzwickt, ich weiß nicht was im Zähler steht und was im Nenner, was ich wovon abzuziehen habe um ein verlässliches, gültiges Resultat zu erhalten. Meine Bedürfnisse sind eine Gleichung, die sich nicht lösen lässt.
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