Toxische Maskulinität: Was wir weitergeben, wenn wir nichts hinterfragen
Toxische Maskulinität ist kein Schlagwort, das Männer angreift. Sie beschreibt ein System von Erwartungen, das ihnen von klein auf auferlegt wird.
„Männer weinen nicht“, „sei stark“, „zeig keine Schwäche“, „ein Mann muss sich durchsetzen“. Diese Sätze klingen harmlos, fast banal – und doch prägen sie Generationen.
Erziehung ist nie nur individuell, sie ist immer auch Weitergabe. Wenn ein Junge lernt, dass Gefühle Schwäche sind und Nähe eine Schwachstelle, dann trägt er diese Vorstellung nicht nur in sein eigenes Leben, sondern auch in die nächste Generation. Der Vater, der nie gelernt hat, über Emotionen zu sprechen, erzieht oft einen Sohn, der ebenfalls keinen Zugang zu seinen Gefühlen findet. Und dieser Sohn wird später wiederum Vater – oder Partner – in einem System, das emotionale Distanz als Normalität betrachtet.
So entsteht ein Kreislauf. Toxische Maskulinität reproduziert sich nicht weil sie „natürlich“ ist, sondern weil sie nie bewusst unterbrochen wird.
Besonders sichtbar wird das heute in dem was oft als „Male Loneliness Epidemic“ bezeichnet wird. Viele Männer erleben Einsamkeit, fehlende emotionale Nähe und soziale Isolation. Doch anstatt zu fragen, warum Männer kaum gelernt haben Beziehungen emotional zu pflegen, wird die Verantwortung häufig externalisiert – auf Frauen. Frauen seien zu anspruchsvoll geworden, zu unabhängig, zu wählerisch. Dabei ist die Realität eine andere: Frauen sind nicht mehr gezwungen Beziehungen einzugehen, um zu überleben. Sie brauchen keinen Mann mehr als wirtschaftliche oder gesellschaftliche Absicherung.
Das Problem ist nicht, dass Männer nun „etwas bieten müssen“. Das Problem ist, dass vielen nie beigebracht wurde, was sie jenseits von Stärke, Dominanz und Kontrolle überhaupt anbieten können: emotionale Präsenz, Kommunikation, Verletzlichkeit.
Die Auswirkungen dieser Dynamik treffen nicht nur Männer selbst, sondern auch Frauen. Frauen übernehmen in Beziehungen oft die emotionale Arbeit, gleichen Defizite aus, erklären, trösten, organisieren. Gleichzeitig erleben sie Gewalt, Abwertung oder emotionale Kälte als direkte Folge des Männlichkeitsbildes, das Nähe nie vorgesehen hat.
Toxische Maskulinität ist damit kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches. Sie zeigt, wie sehr wir Erziehung nutzen, um Rollen zu konservieren – und wie hoch der Preis dafür ist. Solange wir Jungen beibringen, was sie nicht sein dürfen, statt ihnen zu zeigen, wer sie sein können, wird sich dieser Kreislauf weitervererben. An Söhne. An Töchter. Und an eine Gesellschaft, die sich dann wundert, warum Nähe so schwerfällt.


