So bodigt die SRG die Halbierungsinitiative
Wie kann sich das öffentlich-rechtliche Medienangebot gegen die globale Konkurrenz wie Tiktok, Youtube und Netflix behaupten? In der Schweiz stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil am 8. März die sogenannte Halbierungsinitiative ansteht: Die will die Gebühreneinnahmen für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) nicht halbieren, aber von jährlich 335 auf 200 Franken reduzieren. Wenn sie angenommen würde – und danach sieht es im Moment aus –, würde sich das Budget der SRG von 1,2 Milliarden auf 630 Millionen sinken. Das wäre ein radikaler Einschnitt in die hiesige Medienlandschaft.
Mir bereitet das Sorge. Und mich irritiert, wie diese Debatte gefĂĽhrt wird.
Die Befürworter stellen die Initiative als Beitrag zur Kostenreduktion dar, was in meinen Augen an Etikettenschwindel grenzt. Natürlich ist eine Einsparung von 135 Franken im Jahr nicht nichts. Aber gemessen an den Kostensteigerungen bei Mieten und Krankenkassen ist es offensichtlich, dass der positive Aspekt für die meisten Haushalte vernachlässigbar, der Schaden fürs Land aber riesig wäre. Das Argument, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» konzentrieren, sticht nicht, weil dieser «Kern» in einem vielfältigen, mehrsprachigen Land riesig ist. Natürlich fallen jedem von uns sogleich zehn Sendungen ein, die er niemals schaut oder hört, und die man sofort einstellen könnte. Nur sind die Vorlieben so unterschiedlich, dass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibt, das niemand vermissen würde.
Das dritte Argument, dass die privaten Medienhäuser mehr Raum bekämen, stimmt zu einem gewissen Grad. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die dann in die Lücken springen würden, die durch Einsparungen bei der SRG entstünden. Nein, die privaten Medien liefern sich das Konkurrenzgefecht schon heute dort mit den sozialen Medien, wo sich die Aufmerksamkeit konzentriert.
Über alles wird geredet – bloss nicht über das, was wichtig wäre
Über einige Dinge wird hingegen überhaupt nicht gesprochen: Wie soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk – oder Service Public, wie er hierzulande heisst – sich wandeln, um die Gebühreneinnahmen auch in Zukunft zu rechtfertigen?
Ich suchte und fand nur bloss vage Andeutungen. Bei der SRG lese ich dürre Worte über «Public Values», was immer das heissen mag. Das zuständige Departement (Uvek) veröffentlichte ein Interview aus dem Tagesanzeiger als Medienmitteilung, in dem Medienminister Albert Rösti zwar die Bubble-Bildung der sozialen Medien kritisiert und findet, die Medien sollen «dort sein, wo sich die Nutzer aufhalten». Banaler geht es nicht – aber Rösti war Mitinitiant der Halbierungsinitiative.
Hierzulande streitet man mit Leidenschaft über eine 1933 entwickelte Technologie: In der Schweizer Mediendatenbank fand ich für die letzten zwölf Monate 1824 Artikel über UKW und ungefähr 19 zu Play+¹. Letzteres ist die neue Plattform, die im Herbst 2026 das 2020 eingeführte Angebot Play Suisse ersetzen und die Angebote von RSI, RTR, RTS und SRF zusammenführen wird. Wurde die als Alternative zu Tiktok und Youtube gedacht, mit dem Anspruch, die «Nutzerinnen und Nutzer dort abzuholen, wo sie sich aufhalten»? Ich weiss es nicht, weil die nichtssagende Medienmitteilung die Frage offenlässt, ob es sich um eine simple Umbenennung oder eine Konsolidierung handelt. Oder ob man den Anspruch hat, die gravierenden Defizite auszubügeln und die vorhandenen Stärken zu fördern.
Das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Warum steht die SRG nicht hin und sagt, was sie alles tun wird, wenn im März die Gebühren nicht gesenkt werden?
Ein «digitaler Marktplatz der Ideen» – aber diesmal in Echt
An dieser Stelle kommt Leonard Dobusch ins Spiel. Er zeigt auf, wie gross der Spielraum wäre. Er hat Vorschläge, mit denen sich die Gebührengelder in unveränderter Höhe rechtfertigen liessen. Denn sie würden nicht bloss das Darben zum Endsieg der Tech-Konzerne verlängern, sondern aufzeigen, wie eine offene und gesellschaftsfreundliche Plattform entstehen könnte. Also jener «digitale Marktplatz der Ideen», den Elon Musk bei der Übernahme von Twitter versprach, bevor er X in ein rechtes Propaganda- und Manipulationsinstrument verwandelte.
Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck und er kennt das ZDF von innen, wo er Mitglied im Fernseh- und Verwaltungsrat war. Heute sitzt er im Stiftungsrat des ORF. Seine Rezepte gelten für Deutschland und Österreich. Doch sie sind interessant für die Schweiz, weil offene Software und Protokolle ein zentraler Bestandteil sind. In der Tat hat er die tollkühn anmutende Vorstellung, ein Medienangebot aufzubauen, das Netflix in nichts nachsteht: Weder beim Umfang, noch bei der Benutzerfreundlichkeit und schon gar nicht bei der Qualität.
Leonhard Dobusch an der Re:publica 2022 (Rogi Lensing/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).Er sagt:
Wenn das funktioniert, wird es der grösste und wichtigste Open-Source-Medien-Stack der Welt sein. Medienhäuser in ganz Europa werden sich beteiligen. Nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen – weil es ein Angebot ist, das man kaum ablehnen kann. Und dann wird endlich dieser Skalennachteil [verschwinden], den die Öffentlich-Rechtlichen in Europa haben. Jedes kleine Land wie der ORF entwickelt alleine seine Mediathek. Daneben die Schweiz, die SRG, die auch alleine ihre Mediathek entwickelt. Daneben hat man Netflix, die skalieren global.
Die Software heisst Streaming OS. Sie wurde im Mai 2024 vorgestellt, und sie ist in der Tat spannend: Sie ermöglicht es, viele Portale auf einer Infrastruktur aufzusetzen. Die ARD führt zwölf Mediatheken der Landessender zusammen. Die Inhalte von ZDF und ARD sind interoperabel und über die jeweiligen Plattformen abrufbar, wobei es den Anbietern überlassen bleibt, sie unterschiedlich zu kuratieren. Das liesse sich weiter skalieren, sagt Dobusch:
Warum gibt es nicht ein Wissenschafts- und Bildungsportal, wo ich einerseits die Wissenschafts- und Bildungsinhalte von ARD und ZDF zugänglich mache, und das ich öffne für Universitäten und Hochschulen, die immer professioneller Bildungsinhalte produzieren?
Diese Inhalte könnten weiterhin auf Youtube und Tiktok zu sehen sein. Sie würden indes ebenso in einem attraktiven Umfeld stattfinden, in dem nicht als nächste Empfehlung ein Flat-Earther-Video auftaucht.
Es liegt (für mich) auf der Hand, dass sich dieses Modell hervorragend auf die Schweiz übertragen liesse. In der Streamingplattform der SRG hätten die Inhalte von 3Sat Platz, an dem die SRG beteiligt ist². Es gibt hierzulande Universitäten, die exzellente Inhalte produzieren, die in ein solches Umfeld passen würden (die Uni St. Gallen, die Hochschule Luzern oder die Uni Bern). Stiftungen haben Medienangebote, namentlich das Hörkombinat von Elvira Isenring und meinem Stadtfilter-Gspändli Dominik Dusek.
Masse mit Klasse
Und wo das Stichwort Stadtfilter gefallen ist: Die nicht gewinnorientierten Lokalradios der Schweiz (Unikom) tragen einen Teil zur medialen Grundversorgung des Landes bei – weswegen sie einen Teil der Gebühren erhalten (Gebührensplitting). Warum also nicht einen Podcast wie – Achtung, rein willkürliches Beispiel! – Nerdfunk über Play+ ausspielen? Er allein würde die Attraktivität nicht markant erhöhen. Aber mit Verbindungen zu öffentlich-rechtlichen Anbietern in Deutschland, Frankreich (France 2), Italien (Rai) oder zu Dutzenden anderen Programmen, die untertitelt angeboten werden, liesse sich das Angebot in der Summe so stark ausweiten, dass es ähnlich reichhaltig wäre wie die Startseiten von Netflix oder Youtube.
Wenn ich Leonard Dobusch richtig verstehe, basiert Play+ nicht auf Streaming OS. Warum? Weil man bei der SRG lieber eine eigene Software entwickelt, statt Open Source zu verwenden – und weil man nicht in Versuchung kommen möchte, das Angebot auf der eigenen Plattform mit Drittinhalten zu konkurrenzieren? Nun, trotz der polemischen Formulierung hier gehe ich davon aus, dass Play+ sorgfältig projektiert wurde. Diese Diskussion hier nicht zu führen, halte ich indes für eine fahrlässige Straussenpolitik.
Meine offizielle Forderung an die SRG lautet, das Versäumnis wettzumachen. Dobusch legt seine Ideen in Holger Kleins Podcast-Folge Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung dar (RSS, iTunes, Spotify). Es geht nicht nur um die Open-Source-Plattform, sondern um eine Reihe weiterer wichtiger Problemfelder des ÖRR:
Mastodon, Fediversum, Peertube und Wikipedia
Dobusch erwidert, es sei einem «unfassbaren Kraftakt» zu verdanken, dass im laufenden Betrieb ein Umbau stattfinde, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten der linearen Programme etwas feststellen würden. Dem Online-Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF sei es gelungen, da zu sein, wo das Publikum ist. Es erweise sich als «Durchlauferhitzer» für Talente und neue Arbeitsweisen, und mit 150 neuen Formaten, von denen nur die Hälfte überlebt hätte, pflege es eine Experimentierkultur.
Die grossen Plattformen wie Youtube und Tiktok anbinden – aber nicht nur. Gleichzeitig soll das Fediversum (Mastodon, Peertube) zum Zug kommen. Spannend finde ich schliesslich die Ideen zu Wikipedia: «Terra X» veröffentlicht seit Ende 2019 Videoclips unter einer freien, zu Wikipedia kompatiblen Lizenz:
Das sorgt jeden Monat stabil für vier Millionen Views auf Wikipedia, wo das Logo des ZDF zu sehen ist. So kommen wahrscheinlich mehr junge Leute mit öffentlichen Inhalten in Kontakt als im Zweiten.
Last but not least gibt es Ideen, um die Online-Kommentare von ihrer Toxizität zu befreien, etwa durch neue Moderationsformen, die die «schweigende Mitte» sichtbar machen.
Wann fangen wir hierzulande damit an, über solche Themen zu reden? Hoffentlich nicht erst nach der übernächsten Runde um die Abschaffung und Wiedereinführung von UKW. Und hoffentlich, hoffentlich nicht erst, nachdem die SRG halbiert wurde!
Man könnte aber auch erwähnen, dass die SRG beim Projekt Public Spaces Incubator dabei ist und verschiedene mehrsprachige Dialogformate ausprobiert. Oder dass die EMEK in zwei Berichten Ideen für die Zukunft des Service public skizziert hat.
— Manuel Puppis (@manuelpuppis.ch) 27. Januar 2026 um 14:22
Fussnoten
1) Genau kann ich es nicht sagen, weil in der Suchfunktion der Schweizer Mediendatenbank eine Suche nach «Play+» nicht möglich ist – das Plus wird ignoriert, was zu Tausenden falschen Treffern führt. Ich hätte empfohlen, bei der Namensgebung die Suchbarkeit im Web und in Datenbanken zu berücksichtigen. ↩
2) Natürlich gibt es heute schon Inhalte von Drittanbietern. Aber es macht einen Unterschied, ob die manuell in die eigene Plattform eingepflegt werden müssen oder über offene Protokolle zugänglich gemacht werden – dann braucht es lediglich eine Kuratierung. ↩
Beitragsbild: Regieraum bei SRF (SRG).
#FediversumUndMastodon #Fernsehen #FreieSoftwareFOSS #HolgerKlein #Longread #Politik #SRF #WochenkommentarEine Sammlung von Podcasts, die von Holger Klein produziert werden. Weil in jeder Sendung geredet wird, habe ich mir erlaubt, das Projekt nach einem Satz aus Gottfried Benns Gedicht “Kommt” zu benennen. Der Satz lautet “Wer redet ist nicht tot” und seine Anfangsbuchstaben bilden das Akronym WRINT.
Wer hier auf "Abonnieren" klickt, bekommt einen Feed, in den sämtliche Wrint-Produktionen chronologisch einlaufen.
Die Podcasts sind kostenlos. Eure <a href="https://holgerklein.de/support.html">Unterstützung</a> hält das Projekt am Leben.
Eine Sammlung von Podcasts, die von Holger Klein produziert werden. Weil in jeder Sendung geredet wird, habe ich mir erlaubt, das Projekt nach einem Satz aus Gottfried Benns Gedicht “Kommt” zu benennen. Der Satz lautet “Wer redet ist nicht tot” und seine Anfangsbuchstaben bilden das Akronym WRINT.
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Klaus-Jürgen Röhlig ist Professor am Institut für Endlagerforschung der TU Clausthal. Vor gut vier Jahren hatten wir schonmal über die technischen Bedigungen eines Atommüll-Endlagers und der Suche danach geredet, und 2024 hatte ich über ein transdisziplinäres Projekt berichtet, das um die Standortsuche herum geführt wurde. Im Frühjahr...
Vor wenigen Wochen wurde der Podcast zwanzig: Am 13. August 2024 hätten wir die grosse Party feiern sollen – zumindest, wenn wir die erste Episode von Daily Source Code als Geburtsstunde ansehen. Die Sendung stammt von Adam Curry, der den Übernamen «Podfather» trägt und eine prägende Figur für dieses Audio-Medium war. Und der, leider, in die Querdenker-Ecke abgedriftete.
Da sich eine technische Erfindung selten eindeutig terminieren lässt, gibt es einen zweiten Zeitpunkt, der als Stunde Null gelten könnte. Falls wir den wählen, hätten wir noch genügend Zeit, die Geburtstagsfeier auszurichten: Diese Auslegung setzt bei iTunes an. Apple veröffentlichte im Juni 2005 die Version 4.9 dieses Musikprogramms, mit der sich Podcasts abonnieren und auf iPod übertragen liessen. Das war für mich die Initialzündung.
Erfolg ist eine Frage der Perspektive
Was ist aus den Podcasts in diesen zwanzig Jahren geworden? Oberflächlich betrachtet haben wir es mit einer riesige Erfolgsgeschichte zu tun. Die globalen Hörerzahlen wachsen kontinuierlich: 2019 waren es 274,8 Millionen, 2024 wird die Zahl auf 504,9 Millionen veranschlagt. Bei der Genauigkeit dieser Angabe mache ich ein Fragezeichen, aber eine weitere Zahl ist eindrücklich: 2,4 Millionen Podcasts gebe es weltweit, sowie 66 Millionen Episoden. Und – noch eindrücklicher – gemäss der Digimonitor Studie hört fast zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung (63 Prozent) gelegentlich Podcasts.
Adam Curry, der «Podfather», hier bei Joe Rogan.Ich bin nicht sicher, ob diese Zahl einer kritischen Begutachtung standhält: Ich nehme an, dass auch Leute mitgezählt werden, die Audios z.B. in der Play-SRF-App anhören. Sind das tatsächlich Podcast-Hörerinnen und Hörer – oder sind das Leute, die «normale» Radiosendungen zeitversetzt konsumieren möchten? Damit sind wir bei der Frage, was einen Podcast eigentlich ausmacht. Auf die komme ich am Ende zu sprechen.
Um hier bei der Erfolgsgeschichte zu bleiben, ist für mich das entscheidende Indiz die Tatsache, dass der Podcaster zu einer kulturellen Figur wurde – wie ich hier und hier erörtere.
Dann kam Spotify
Der Podcast hat – im starken Kontrast zum Blogging – den Durchbruch geschafft. Aber er hat sich auch massiv verändert. Noch 2015 war er das Mauerblümchen der Medienrevolution, die eine Gegenkultur zelebrierte. Holger Klein, einer der wichtigen deutschsprachigen Podcaster, brachte das damals wunderbar auf den Punkt:
Den Stellenwert von Podcasts sehe ich ähnlich dem von Kleinkunstbühnen. Ohne die würde im Kulturbetrieb eine Plattform fehlen, auf der ungewöhnliche Ideen und Persönlichkeiten sich ausprobieren können.
Der Durchbruch kam – natürlich –, als grosse Unternehmen aufsprangen: Apple und Spotify witterten 2021 das grosse Geld. Und nicht nur die: Es gibt heute Podcast-Unternehmen wie Wondery, Pushkin Industries und iHeart Radio, die ihre Produktionen mit der grossen Kelle anrühren und sowohl Einschaltquote als auch Werbeeinnahmen bolzen. Spotify möchte diesen Markt am liebsten monopolisieren, war mein Eindruck vor vier Jahren. Heute ist das Verhältnis wieder etwas entspannter, was auch mit einem kleinen und unerwarteten Schritt hin zur Öffnung zu tun hat: von Fest & Flauschig haben die Schweden einen freien Feed verfügbar gemacht.
Froh sein, wenn die Nische nicht schmaler wird
Wer ein Podcast-Fan, -Hörer oder -Macher der ersten Stunde ist, empfindet diesen Durchbruch des Mediums mit grosser Sicherheit als Pyrrhussieg. Zwar sind die Massen aufmerksam geworden. Doch die kleinen Anbieter und die unabhängigen Produktionen haben davon nichts – im Gegenteil: Die Konkurrenz durch die schlagkräftigen kommerziellen Anbieter ist gross. Wir merken das beim Nerdfunk: Unser Podcast – für den wir aus Faulheit null Promotion betreiben – stagniert im besten Fall.
Es ist wie beim unabhängigen Web: Die Nische muss froh sein, wenn sie nicht schmaler wird. Wachstum findet nur bei den grossen Konzernen statt. Die wiederum kümmern sich einen Deut um das, was zuvor organisch gewachsen ist. Im Gegenteil: Sie beeinflussen die Erwartungshaltung des Publikums auf eine Weise, die es unabhängigen Produktionen schwer macht, mitzuhalten.
Besagter Holger Klein hat neulich in ehrlichem Frust eine Tirade auf die Promi-Podcasts losgelassen. Ich habe mir ähnliche Gedanken gemacht, als im Mai 2023 Mike Krüger und Thomas Gottschalk den Supernasen-Podcast lanciert haben. Braucht es sowas?
Wo ist der Enthusiasmus hin?
Für eine fundierte Antwort auf diese Frage werde ich, falls ich mich dazu durchringen kann, mir mal eine «Supernasen»-Folge anhören. Unabhängig davon fürchte ich, dass es zu einfach wäre, den beiden die Schuld dafür zu geben, dass die Podcasts dabei sind, ihren identitätsstiftenden Charakter zu verlieren. Ich spreche vom Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Szene in den Anfängen prägte. Wer erinnert sich noch an Hörertreffen, Unterstützung durch Spenden (Flattr) und viel Loyalität und Aufbruchsstimmung?
Verpufft ist der Elan der ersten Tage nicht nur bei den Podcastern. In der Blogosphäre finden keine Bloggertreffen mehr statt. Und wenn heute jemand zu einem Twitterbier (oder X-Bier?) einladen würde, dann gäbe es dafür Spott, Häme und vielleicht Hass, aber sicher keine Besucherinnen.
Erstaunlich ist, dass das Gemeinschaftsgefühl anscheinend unabhängig von der Entwicklung bei der Mediengattung verloren ging. Denn wie konstatiert, darben Blogs, während Podcasts erfolgreich und die sozialen Medien weiterhin relevant sind. Das lässt unterschiedliche Interpretationen zu: Die Fatalisten unter uns werden nüchtern festhalten, dass jede Begeisterungswelle einmal abebbt. Die Idealisten stellen sich mutmasslich auf den Standpunkt, dass die Kommerzialisierung am Ende allen Graswurzelbewegungen das Wasser abgräbt.
Ein Silberstreif am Horizont
Damit dieser Blogpost nicht auf einer depressiven Note endet, halte ich fest, dass Podcasts noch immer eine tolle Sache sind. Der Podcast als Möglichkeit, sich individuell und – wie es so schön heisst – zeitsouverän ein Audioprogramm masszuschneidern, ist ohne Wenn und Aber ein Erfolg.
Das Angebot ist vielfältiger geworden.Der Podcast als alternative Medienform ist auch kein Auslaufmodell. Viele meiner Podcasts der ersten Stunde haben bis heute überlebt. Es gibt heute einen Anteil von Podcasts grosser Medienhäuser, Verlage und Produzenten in meinem Podcatcher: Den empfinde ich als Bereicherung. Ein Problem kann ich leider nicht wegdiskutieren: nämlich die Tatsache, dass es heute schwierig bis unmöglich ist, neue unabhängige, kleine, originelle und unorthodoxe Podcastproduktionen zu entdecken. Gibt es die noch? Wie könnte man sie in der Flut der Promi-Podcasts, von True Crime, Lebenshilfe und Comedy aufspüren? Ich weiss es nicht.
Damit hat sich auch die Hoffnung zerschlagen, dass sich eine Mediensparte entwickelt, in der sich Enthusiasten und unabhängige Macherinnen und Machern eine solide wirtschaftliche Grundlage erarbeiten können. Wer es nicht nur aus Spass an der Freude macht, sondern mit der Möglichkeit des Lebensunterhalts liebäugelt, der wird bedauerlicherweise enttäuscht. Des lieben Geldes willen kommt er nicht darum herum, seine Seele als Influencer auf Instagram, Youtube oder Tiktok zu verkaufen.
Beitragsbild: Das goldene Mikrofon ist die Ausnahme (@felipepelaquim, Unsplash-Lizenz).
Ăśbermedien/Holger ruft an? Warum musste die Kritik an der "Geheimplan"-Recherche sein?
Holger Klein und Stefan Niggemeier sprechen im Podcast ĂĽber die Frage: Ist das jetzt die Debatte, die sich die Autoren gewĂĽnscht haben?
Warum musste die Kritik an der "Geheimplan"-Recherche sein? | Ăśbermedien
Übermedien/Holger ruft an: Was wissen wir über die mehr als 100 getöteten Journalisten in Gaza?
Warum im Gaza-Streifen so viele palästinensische Journalisten sterben, ist unklar. Internationale Medien haben die Todesfälle untersucht - mit Satellitenbildern und Zeugenaussagen. Anruf bei Frederik Obermaier, der an der Recherche beteiligt war.
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Ăśbermedien/Holger ruft an: Worum geht es beim Skandal der "Washington Post"?
Der CEO der "Washington Post" soll kritische Berichterstattung verhindert haben. Was ist da los? Anruf bei Christian Fahrenbach in New York.
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Übermedien/Holger ruft an: Warum läuft auf öffentlich-rechtlichen Sendern Parteiwerbung?
Auch vor der Europawahl mĂĽssen die meisten Sender den Parteien Sendezeit zur VerfĂĽgung stellen. Aber was, wenn die Inhalte problematisch sind? Und wo ist eigentlich geregelt, wer wie viel Werbeplatz bekommt? Anruf bei Medienjournalist Stefan Fries.
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Ăśbermedien/Holger ruft an: DĂĽrfen Medien Leute, die Nazi-Parolen singen, an den Pranger stellen?
Gesichter, Namen und andere private Details ĂĽber der Personen aus dem "Sylt-Video": alles jetzt bekannt. Aber auch rechtlich in Ordnung?
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