Welthungertag
Seit 1979 wird an jedem 16. Oktober der internationale WelternĂ€hrungstag begangen. Im UN-Sozialpakt von 1966 heiĂt es, dass jeder Mensch das Recht auf Zugang zu angemessener Nahrung hat, die ausreichend, gesund und kulturell akzeptabel sein muss. Gleichzeitig verhungerten Menschen im Gaza-Streifen â nicht aus Armut oder Nahrungsmangel, sondern weil die israelische Regierung es so wollte. Besser kann man kaum verdeutlichen, wie rĂŒcksichtslos sich Staaten ĂŒber Völkerrecht und Menschenrechte hinwegsetzen, wenn es um ihre Interessen geht.
Der WelternĂ€hrungstag soll darauf aufmerksam machen, dass weltweit Millionen Menschen an Hunger leiden. Am gleichen Tag findet auch der âWelttag des Brotesâ statt, weil Brot frĂŒher als Synonym fĂŒr Nahrung, Speise und Verpflegung galt. Zivilgesellschaftliche VerbĂ€nde sprechen auch vom âWelthungertagâ. Das Datum wurde gewĂ€hlt, weil am 16. Oktober 1945 die ErnĂ€hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit dem Schwerpunkt âSicherstellung der weltweiten ErnĂ€hrungâ gegrĂŒndet wurde.
Der WelternĂ€hrungstag findet jedes Jahr unter einem neuen Motto statt. 2025 lautet es âHand in Hand fĂŒr bessere Lebensmittel und eine bessere Zukunftâ; 2024 ging es um âDas Recht auf Nahrung fĂŒr ein besseres Lebenâ und 2023 um âWasser ist Leben â Wasser ist Nahrung.â Neben offiziellen Tagungen, die sich an diesem Tag mit den Themen Welthunger und ErnĂ€hrungssicherheit befassen, nutzen auch Nichtregierungsorganisationen den Tag, um auf das weltweite Hungerproblem aufmerksam zu machen.
2023 waren mehr als 700 Millionen Menschen auf der Welt von Hunger betroffen, das ist ungefĂ€hr jeder elfte Mensch. Etwa 29% der Weltbevölkerung hatten keinen regelmĂ€Ăigen Zugang zu ausreichenden Nahrungsmitteln, waren also von ErnĂ€hrungsunsicherheit betroffen. Nachdem die Zahlen jahrelang gesunken waren, gab es von 2019 auf 2020 wegen der Corona-Pandemie wieder einen starken Anstieg. Seitdem stagnieren die Zahlen oder steigen weiter. GrĂŒnde hierfĂŒr sind laut FAO Krisen, Konflikte und die anhaltende Inflation der Lebensmittelpreise. Demnach werden die Vereinten Nationen ihr fĂŒr 2030 geplantes Ziel âKein Hungerâ weit verfehlen.
Acht Prozent der Menschen, die unter Hunger leiden, sind von akutem Hunger betroffen. Dieser Begriff bezeichnet UnterernĂ€hrung in extremster Form ĂŒber einen abgrenzbaren Zeitraum, zum Beispiele im Zusammenhang mit Krisen wie DĂŒrren, Kriegen und Katastrophen. Chronischer Hunger bedeutet dauerhafte UnterernĂ€hrung. Er ist global am weitesten verbreitet und tritt zumeist im Zusammenhang mit Armut auf. Verborgener Hunger ist eine Form des chronischen Hungers, gekennzeichnet durch eine einseitige ErnĂ€hrung, bei der dauerhaft wichtige NĂ€hrstoffe fehlen. Dies fĂŒhrt zu schweren Erkrankungen und hemmt die geistige und körperliche Entwicklung der Kinder.
SelbstverstĂ€ndlich gibt es seit Jahrzehnten MaĂnahmen gegen Hunger und UnterernĂ€hrung. Eine Vielzahl internationaler und gemeinnĂŒtziger Organisationen ist hier tĂ€tig, z.B. die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen mit ihrem World Food Program oder die Welthungerhilfe und âBrot fĂŒr die Weltâ. Sie bemĂŒhen sich um eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, um BewĂ€sserung, DĂŒngung, Saatgut und neue Technologien sowie um den Austausch zwischen Defizit- und Ăberschussregionen. Allein in Deutschland werden jĂ€hrlich rund 11 Mio. Tonnen Lebensmittel entsorgt, die zum Teil noch genieĂbar wĂ€ren.
Nationale und internationale Organisationen ermitteln jĂ€hrlich den Welthungerindex (WHI). Dieses Instrument erfasst die Hungersituation global, regional und national, beschreibt die Verbreitung von Hunger und UnterernĂ€hrung in einzelnen LĂ€ndern und misst die Fortschritte und Misserfolge im globalen Kampf gegen den Hunger. Anhand der ermittelten Daten lĂ€sst sich eine Rangfolge der Staaten erstellen, und aktuelle Ergebnisse können mit vergangenen verglichen werden. Der Index wurde ursprĂŒnglich vom internationalen Forschungsinstitut fĂŒr ErnĂ€hrungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI) in Zusammenarbeit mit der deutschen Welthungerhilfe erarbeitet. SpĂ€ter trat das Institut Concern Worldwide an die Stelle des IFPRI.
Der WHI-Wert jedes Landes wird durch eine Formel mit vier Indikatoren berechnet:
# UnterernÀhrung: Anteil der Bevölkerung, deren Bedarf an Lebensmitteln nicht gedeckt ist;
# Wachstumsverzögerung bei Kindern: Anteil der betroffenen Kinder unter fĂŒnf Jahren;
# Auszehrung bei Kindern unter fĂŒnf Jahren (VerhĂ€ltnis von Gewicht und GröĂe);
# Kindersterblichkeit: Anteil der Kinder, die vor ihrem fĂŒnften Geburtstag sterben.
Aus den ermittelten Werten wird die jeweilige Hungerlage errechnet und auf einer Skala von 0 Punkten (kein Hunger) bis 100 Punkten (gröĂter Hunger) abgebildet. Die verwendeten Daten stammen von verschiedenen Organisationen der Vereinten Nationen.
Den aktuellen Zahlen des WHI-Index fĂŒr 2024 zufolge ist der Brennpunkt der Hungerprobleme immer noch Afrika sĂŒdlich der Sahara. Auf den ersten vierzehn PlĂ€tzen liegen folgende Staaten: Burundi (49,9 Punkte), SĂŒdsudan (49,9), Somalia (44,1), Jemen (41,2), Tschad (36,4), Madagaskar (36,3), Lesotho (34,9), D.R. Kongo (34,9), Haiti (34,3), Niger (34,1), Liberia (31,9), Zentralafrik. Rep. (31,5,), Nordkorea (31,4), Sierra Leone (31,2). In weiteren 28 LĂ€ndern wird der Hunger als ernst eingestuft. Ruanda, Biafra, dir Sahelzone, Ăthiopien, Somalia und der Sudan stehen als Beispiele fĂŒr frĂŒhere Hungersnöte.
In jedem Jahr wĂ€hlt der WHI â neben seiner statistischen TĂ€tigkeit â ein Schwerpunktthema. Beispielsweise ging es 2011 um die Frage, wie steigende und sinkende Lebensmittelpreise den Hunger verschĂ€rfen, und 2012 darum, wie die ErnĂ€hrung gesichert werden kann, wenn Land, Wasser und Energie knapp werden. 2015 und 2018 folgten die aktuellen Themen âHunger und bewaffnete Konflikteâ und âFlucht, Vertreibung und Hungerâ. 2019 befasste sich der WHI mit dem Aspekt, âwie der Klimawandel den Hunger verschĂ€rftâ, und 2024 mit der Frage, wie man âmit Gendergerechtigkeit zu mehr Klimaresilienz und Zero Hungerâ gelangen kann.
Obwohl rechnerisch genĂŒgend Nahrungsmittel fĂŒr die gesamte Weltbevölkerung verfĂŒgbar wĂ€ren, gibt es auch im 21. Jahrhundert noch Hungersnöte, allerdings nur noch in auĂereuropĂ€ischen Regionen. Hunger und Armut sind ein Teufelskreis. UnterernĂ€hrung ist eine Folge, aber auch eine Ursache der Armut. Die Ursachen fĂŒr Hunger sind vielfĂ€ltiger als man es sich zunĂ€chst vorstellt.
ZunĂ€chst sind es naturgegebene Ereignisse wie Unwetter- und Naturkatastrophen, Klimawandel und Missernten. Sie haben seit jeher Hungerkrisen verursachet. DĂŒrren oder SchĂ€dlinge zerstören die Ernten. Mit dem Klimanwandel nehmen extreme Wetterereignisse zu. Sie schwĂ€chen die Widerstandskraft der Bevölkerung, die ihr Saatgut aufbraucht und ihr Vieh schlachtet und sich damit selbst die Lebensgrundlage nimmt. Sodann gibt es die von Menschen vorsĂ€tzlich oder unabsichtlich verursachten oder in Kauf genommene Hungerkrisen oder Hungersnöte:
Kriege und Konflikte: Flucht und Vertreibung, die wirtschaftliche und die landwirtschaftliche Infrastruktur â z.B. BewĂ€sserung â werden zerstört.. Nahrungsmittel werden rar und teuer.
Ungleichheit zwischen Reich und Arm, vor allem bei der Einkommens- und Vermögensverteilung (1 % der Weltbevölkerung besitzt fast die HÀlfte des Weltvermögens).
Verzerrter Welthandel: Die reichen Staaten bestimmen die Regeln der internationalen Politik, schaffen sich Marktvorteile, nutzen die Rohstoffe der EntwicklungslÀnder.
Schlechte RegierungsfĂŒhrung: Die Politik richtet sich nicht an den BedĂŒrfnissen der armen Menschen aus. Es herrscht Korruption. Die Förderung der Landwirtschaft ist unzureichend.
Ressourcenverschwendung und Klimawandel. Die KlimaĂ€nderungen wirken sich vor allem dort aus, wo ohnehin schon Mangel herrscht (Wasserknappheit, Bodenerosion, Ausbreitung von WĂŒsten).
Hungersnot liegt vor, wenn ein groĂer Teil der Bevölkerung unterernĂ€hrt ist und der Tod durch Verhungern oder hungerbedingte Krankheiten zunimmt. Die Vereinten Nationen definieren Hungersnot wie folgt: mindestens 20% der Bevölkerung verfĂŒgen ĂŒber weniger als 2100 Kilokalorien pro Tag; mindestens 30% der Kinder sind akut unterernĂ€hrt; mindestens zwei von 10.000 Menschen oder vier von 10.000 Kindern sterben tĂ€glich an Nahrungsmangel.
Hunger war im Mittelalter weit verbreitet, neben Krieg, Pest und Tod galt er als einer der vier âapokalyptischen Reiterâ (Boten des Weltuntergangs). Die gröĂten Hungersnöte in Europa fanden 1315 bis 1317 und 1437 bis 1439 statt. Im 14. Jahrhundert starb schĂ€tzungsweise ein Drittel der europĂ€ischen Bevölkerung an der Pest (âSchwarzer Todâ). Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien fĂŒhrte zu einem Jahr ohne Sommer und entsprechenden ErnteausfĂ€llen. Auch 1601/1603 und 1783/1784 sorgten VulkanausbrĂŒche fĂŒr Hungerkatastrophen durch Ăberschwemmungen und ErnteausfĂ€lle.
Eine ausfĂŒhrliche Statistik in Wikipedia erwĂ€hnt fĂŒr 1930 v.Chr. und fĂŒr 1200 v.Chr. zwei nachweisbare Hungersnöte in Ăgypten und in Kleinasien. FĂŒr die Zeit ab 362 werden weltweit 70 Hungersnöte aufgelistet, davon 20 mit einer Million Toten oder mehr. Zumeist waren extrem kalte Winter und Missernten der Anlass. Die Auflistung endet mit 2023 bis 2025 fĂŒr PalĂ€stina. Wiederholt betroffen waren Indien/Bengalen mit fĂŒnf Katastrophen und 40 Mio. Opfern sowie China mit sechs groĂen Hungersnöten und bis zu 75 Mio. Toten, wobei die Angaben fĂŒr die Katastrophe von 1959/61 zwischen 15 und 43 Mio. schwanken. Im 17. Jahrhundert fĂŒhrte eine Hungersnot in Indien sogar zum offenen Kannibalismus.
Auch Russland war mehrfach betroffen: 1921/24 mit 5 Mio. Opfern, 1946/47 mit 1-2 Mio. Toten und Anfang der 30er Jahre mit 8 bis 9 Mio. Opfern. In Frankreich starben 1708 1-2 Mio. Menschen an Hunger. In Nordkorea herrschte 1994-97 eine Hungersnot mit 1-2 Mio. Opfern. In Deutschland fĂŒhrte der dreiĂigjĂ€hrige Krieg (1618-48) in vielen Regionen zu Hunger und Elend. Auch der âSteckrĂŒbenwinterâ 1916/17 mit knapp einer Mio. Toten und der Hungerwinter 1946/47 haben Deutschland vor riesige Probleme gestellt. 1844-1849 sorgte die KatoffelfĂ€ule in Westeuropa fĂŒr eine Million Tote.
Seit rund fĂŒnfzig Jahren wird neben den natĂŒrlichen und ökonomischen Ursachen von Hungersnöten den sozialen und politischen GrĂŒnden stĂ€rkere Aufmerksamkeit gewidmet. âKĂŒnstliche Hungersnöteâ entstehen durch Krieg, politische Misswirtschaft oder den Missbrauch von Hunger als Waffe. Sie werden oft absichtlich ausgelöst, können aber auch Resultat einer verfehlten Regierungspolitik sein.
Historisch ist das Aushungern fast so alt wie der Krieg selbst. Schon bei der Belagerung Karthagos setzten die Römer die Hungerwaffe ein. â Der Hunger der Jahre 1916-1918 im Libanon war ein Ergebnis von kriegsbedingter Blockade und Requirierung. â Die russische Regierung verursachte durch eine rĂŒcksichtslose Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den 30er Jahren in der Ukraine eine Hungersnot mit 3 bis 7 Mio. Toten. Diese Katastrophe ist immer noch als âHolodomorâ in Erinnerung. â 1941 bis 1944 belagerten und blockierten deutsche, finnische und spanische Truppen die russische Stadt Leningrad, letztlich erfolglos. Dieses Kriegsverbrechen kostete etwa 1,1 Mio. Zivilisten das Leben, die meisten verhungerten. â Im syrischen BĂŒrgerkrieg wurde Aleppo vier Jahre lang eingekesselt, die Nahrungsmittelversorgung brach zusammen. â Seit Jahren belagern Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate den Jemen und bewirken dort bittere Armut und Hungersnot.
Israel war also keineswegs der erste bzw. der einzige Staat, der Hunger als Waffe einsetzte. Allerdings zieht der Gaza-Krieg aus verschiedenen GrĂŒnden Aufmerksamkeit und Protest auf sich: Israel und PalĂ€stina sind seit fast 80 Jahren in Konflikte und Auseinandersetzungen verwickelt â Israel missachtet sĂ€mtliche UN-Resolutionen zur PalĂ€stinafrage â Monatelang hat Israel Transporte mit Nahrungsmitteln an der Fahrt nach Gaza gehindert â Auch die MittelmeerkĂŒste von Gaza wurde von Israel fĂŒr Nahrungsmittellieferungen gesperrt â Die Vereinten Nationen haben offiziell festgestellt, dass im Gazastreifen Hungersnot herrschte â Mehr als 100 zivilgesellschaftliche und kirchliche Organisationen haben angeprangert, dass Israel Aushungern als Waffe einsetzt â Israels Finanzminister hat erklĂ€rt, es wĂ€re moralisch und richtig, die zwei Millionen PalĂ€stinenser im Gazastreifen zu Tode hungern zu lassen, bis die von der Hamas verschleppten Geiseln frei sind.
Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe gegen Zivilist/innen ist völkerrechtlichswidrig. Artikel 14 des Zusatzprotokolls zur Genfer Konvention von 1977 verbietet âdie Zerstörung, Entfernung oder Unbrauchbarmachung von fĂŒr die Zivilbevölkerung lebensnotwendigen Objekten, wozu auch Lebensmittel, Wasser und medizinische Versorgung gehören.â Ein VerstoĂ gilt als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in schwerwiegenden FĂ€llen als Völkermord.
Im Mai 2018 hat eine Resolution des UN-Sicherheitsrats ausdrĂŒcklich das Aushungern von Zivilisten als Kriegswaffe verurteilt und den Einsatz von Hunger als Mittel der KriegsfĂŒhrung als mögliches Kriegsverbrechen bezeichnet. Alle Konfliktparteien sollen das humanitĂ€re Völkerrecht einhalten und einen ungehinderten Zugang fĂŒr humanitĂ€re Hilfe gewĂ€hrleisten.
Der Beschluss wurde einstimmig gefasst, er stellt einen wichtigen Schritt zur internationalen Ăchtung von Hunger als Kriegswaffe dar. Der UN-GeneralsekretĂ€r ist aufgefordert, regelmĂ€Ăig ĂŒber die humanitĂ€re Lage und die Gefahr von Hungersnöten in Konfliktgebieten zu berichten. Allerdings bleibt die Umsetzung der Resolution lĂŒckenhaft. In vielen Konfliktregionen wird Hunger weiterhin als Kriegswaffe eingesetzt.