JA: Welche Rolle spielt dieser antikurdische Rassismus heute?
DJ: Er ist zentral. Die Vorstellung, man könnte mit gemeinsamen Kämpfen wie etwa gegen den #IS dauerhaft Vertrauen und politischen Zusammenhalt schaffen, hat sich als Illusion erwiesen. Zahlreiche #arabischeMilizen, die jahrelang an der Seite der #Kurden gekämpft hatten, wechselten später problemlos die Fronten und beteiligten sich an türkischen Militäroperationen gegen #kurdischeGebiete. Heute wird diese Haltung von islamistischen Akteuren gezielt instrumentalisiert. Kurdische #Autonomiebestrebungen werden als »zionistisch« diffamiert. Schon früh kursierte der Vergleich, ein Kurdistan sei ebenso illegitim wie ein angebliches »Judistan«. Diese Rhetorik ist tief verankert und wirkt bis heute fort.
Für viele Kurdinnen und Kurden ist dies ein Schock. Trotz enormer Opfer mit über 13.000 Gefallenen im Kampf gegen den #IS hat sich an ihrer grundlegenden Situation nichts verbessert. Im Gegenteil: Viele erleben derzeit sehr deutlich, dass sie weiterhin als Fremde betrachtet werden.
JA: Können Sie die aktuelle Lage in Syrien seit Januar kurz und verständlich zusammenfassen?
DJ: Nach der Machtübernahme durch Ahmed al-Sharaa und die von ihm geführten HTS-Strukturen wurden zunächst mehrheitlich arabische Gebiete unter Kontrolle gebracht. Die kurdischen Regionen im Nordosten blieben zunächst außen vor. Eine Ausnahme bildeten die kurdischen Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafiyya in Aleppo, historisch gewachsene Viertel mit hunderttausenden Bewohnern. Im Frühjahr 2025 wurden Abkommen zwischen den SDF und der neuen Übergangsregierung geschlossen, die Autonomie und eine begrenzte Integration vorsahen. Diese Zusagen wurden jedoch im Verlauf des Jahres schrittweise ausgehöhlt. Ab November nahmen #Desinformation, Drohungen und offene Gewalt deutlich zu.
Im Januar 2026 eskalierte die Situation. HTS-nahe Kräfte drangen in die genannten Viertel in #Aleppo ein, es kam zu Drohnenangriffen, Schusswaffengebrauch und massiver Gewalt gegen Zivilisten. Mehr als hundert Menschen wurden getötet, schätzungsweise 150.000 bis 200.000 vertrieben. Viele wurden entführt, ihr Verbleib ist auch aktuell noch ungeklärt. Ganze Viertel wurden faktisch ethnisch gesäubert. Parallel dazu desertierten arabische Einheiten aus den SDF. IS-Gefängnisse gerieten unter islamistische Kontrolle, zahlreiche Kämpfer kamen frei. Die #kurdischeSelbstverwaltung hat seither rund sechzig Prozent der Gebiete verloren, die sie im Kampf gegen den IS erobert hatte.
JA: Internationale Medien übernehmen häufig die Angaben der syrischen Armee. Wie glaubwürdig sind diese Informationen?
DJ: Man muss fragen, wer in dieser Situation etwas zu gewinnen oder zu verlieren hat. #DieKurden verlieren derzeit Territorium, Sicherheit und ihre #Existenzgrundlage. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Lage zu überzeichnen. Die Gewalt ist dokumentiert, vielfach georeferenziert und häufig von den Tätern selbst aufgezeichnet worden. Die #HTS-Kräfte und ihre Verbündeten dokumentieren ihre Taten offen, legitimieren sie religiös und versuchen zugleich, Zweifel an der Wahrheit zu säen. Dieses Muster ist aus anderen Konflikten bekannt. Ein »Both-Sides«-Narrativ greift hier nicht. Die historische Bilanz islamistischer Herrschaft ist eindeutig. Menschen fliehen – oder sie sterben.
Auffällig ist dabei auch der Blick aus dem Nahen Osten selbst. Während für Palästinenser oft ein hohes Maß an Verständnis aufgebracht wird, begegnet man Kurden nicht selten mit der Frage, warum sie sich nicht »mit ihren Brüdern« arrangieren könnten. Niemand würde sich über ein Jahrhundert hinweg einem derart umfassenden, gewaltsamen und verlustreichen Kampf aussetzen, hätte es eine realistische Alternative zu einem sicheren, würdigen und friedlichen Leben gegeben. Verschwörungserzählungen, nach denen kurdische Autonomiebestrebungen Teil geheimer westlicher Strategien seien, halten einer biografischen oder historischen Prüfung nicht stand. Unabhängig davon, ob man auf die Türkei, den #Iran, den #Irak oder #Syrien blickt.
Das Leben als kurdischer Mensch ist unter den bestehenden staatlichen Ordnungen für viele unerträglich. Vor diesem Hintergrund erscheint Autonomie nicht als ideologisches Projekt, sondern als die einzige verbleibende politische Lösung.
Geopolitische Randfrage geworden
JA: Internationale Agenturen berichten von weiterem Beschuss trotz offiziell verkündeter Waffenruhe. Welche Akteure könnten ein Interesse an einer Fortsetzung der Kämpfe haben?
DJ: In erster Linie die #Türkei, die seit Jahren jede Form kurdischer Autonomie zu verhindern sucht. Auch #dieVereinigtenStaaten haben ein Interesse an stabilisierten »Fakten vor Ort«, um sich vollständig aus Syrien zurückziehen zu können. Für #Europa steht vor allem die Abschottung im Vordergrund. Syrien ist geopolitisch zur Randfrage geworden. In diesem Machtvakuum bleiben die Kurden weitgehend allein zurück. Diese Deutungen werden heute maßgeblich in einschlägigen Thinktanks produziert
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