06. März
Heute vor 100 Jahren hat meine, längst tote, Mutter, das Licht der Welt erblickt. Ich denke an Bekannte und Freund:innen, die erzählen, wie es ist eine sehr alte Mutter zu haben, oder auch nur eine alte. All das habe ich nie erlebt. Hätte ich es erleben wollen? Es wird schon in Ordnung sein, so wie es ist. Manchmal wünsche ich mir, wir hätten diese Phase der Aussöhnung und Annäherung, in der wir uns gerade befanden, als sie plötzlich gestorben ist, länger genießen können. Sie hat mir als Großmutter für meine Kinder gefehlt und sie fehlt mir immer noch manchmal als Hafen, als die Sicherheit, dass da ein Mensch ist, der mich bedingungslos liebt, d.h., der nichts dagegen tun kann, mich zu lieben, auch wenn er noch so wütend ist auf mich, noch so verletzt.
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich ein wenig ausführlicher mit ihrer Vergangenheit und mir wird vieles klar, anderes erscheint in einem neuen Licht und ich bedauere so wenig gefragt zu haben, eine so schlechte Zuhörerin gewesen zu sein.
In mein Poesiealbum schrieb sie einen Vers eines Volkliedes
„Im Glück sich mäßigen,
im Sturm nicht zagen,
das Unvermeidliche mit Würde tragen.
Das Gute tun, am Schönen sich erfreun
das Leben lieben und den Tod nicht scheun
und fest an Gott und bessre Zukunft glauben.
Heißt leben, heißt dem Tod sein Bittres rauben.“
Der Vers scheint haargenau ihre Einstellung, ihre Art zu überleben zu beschreiben. Es ist immens traurig das zu lesen. Je mehr ich von ihr erfahre, umso trauriger wird dieser Vers. Als sie ohne jegliche Vorbereitung aus dem Leben gerissen wurde, war sie gerade dabei noch einmal aufzubrechen, mit ihrer Schwägerin wollte sie ein wenig Englisch lernen, um ihren Schwager in Australien zu besuchen. Endlich hatte sie Pläne und nicht nur die unermessliche Trauer um meinen Vater, aber ebenso wie unsere beginnende Annäherung, wurde ein Schlussstrich darunter gezogen.
P.S.: Auf dem Foto ist sie die ganz Kleine mit dem leicht entsetzten Blick.
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