OSR fĂŒr Newbies: Mietlinge â mysteriöse Wesen am Rande der Regeln
Im Anschluss an meinen letzten Beitrag wurde von einem Leser vorgeschlagen, auf das Thema Mietlinge nĂ€her einzugehen. Denn alle reden von Mietlingen, aber kaum jemand kennt sie. In allen möglichen Oldschool-BeitrĂ€gen wird ihre Wichtigkeit betont, doch tauchen sie in den meisten Regeln nur am Rande auf. Und dann ist oft von AnhĂ€ngern, Gefolgsleuten oder von Spezialisten die Rede. Was hat das alles miteinander zu tun? Worin liegt der Unterschied? Und v.a.: WofĂŒr sind sie im Spiel gut?
Dann lasse uns mal starten.
Eine kurze Geschichte der Mietlinge
In der allerersten Version von OD&D heiĂt es (ĂŒbersetzt) in typisch gygaxâscher Sprache:
Höchstwahrscheinlich wird es die Spielleitung als sinnvoll erachten, den an der Kampagne teilnehmenden Personen zu erlauben, einen oder mehrere Charaktere âanzuwerbenâ. Manchmal mag es sich dabei nur um eine Gruppe von Söldnern handeln, die angeheuert wird, um an einem Abenteuer teilzunehmen und um an dessen Erfolg beteiligt zu werden. Wahrscheinlich wird die Gruppe allerdings den Wunsch verspĂŒren, sich ein ordentliches Gefolge aus verschiedenen Arten von Charakteren, Monstern und einer Armee in der einen oder anderen Form zuzulegen1.
Hinweis: Unter Monstern wurden damals alle Kreaturen verstanden, die in Dungeons anzutreffen sind, also auch menschliche NSC.
Der Spielleitung wird also empfohlen, die Gruppe auf Wunsch VerstĂ€rkung anwerben zu lassen. Im weiteren Text wird erlĂ€utert, wie das geschieht: Gruppenmitglieder bringen AushĂ€nge in WirtshĂ€usern und Gasthöfen an, suchen Orte auf, an denen die gewĂŒnschten Mietlinge (der Begriffe fĂ€llt hier erstmals ĂŒberhaupt!) anzutreffen sind oder senden sogar Boten in andere LĂ€nder, wo gesuchte Mietlinge zu finden sind.
Das SL-Handbuch fĂŒr AD&D 1e von 1978: Die erste auf deutsch verfĂŒgbare A/D&D-Version
Neben Zeit ist dafĂŒr Geld aufzuwenden. Und natĂŒrlich entscheidet die Spielleitung, wie hoch dieser finanzielle Aufwand ausfĂ€llt. Das Minimum sollte laut Gygax bei 100 GM liegen. Das ist nicht gerade wenig! Und danach muss mit einem Wurf noch ermittelt werden, ob die potenziellen Mietlinge ĂŒberhaupt auf das Angebot eingehen oder stattdessen auf den Charakter losgehen. Höhere Angebote und ein hoher Charisma-Wert machen sich dabei als Bonus beim Wurf bemerkbar.
In der ersten Edition von AD&D wird im SL-Handbuch2 genauer zwischen einfachen und speziellen âSöldlingenâ (gemeint sind Mietlinge) unterschieden. Erstere umfassen die bekannten FackeltrĂ€ger und Fuhrleute zum Transportieren von AusrĂŒstung und SchĂ€tzen. Letztere neben etlichen Spezialberufen (s.u.: Spezialist:innen) auch Soldaten und damit die Art von NSC-Charakteren, die eine Gruppe oft kĂ€mpferisch unter die Arme greifen dĂŒrfen.
Textauszug aus dem AD&D 1e-SL-Handbuch (S. 33)
Das wirkt aus heutiger Sicht etwas befremdlich, wenn du aktuelle D&D-Regeln und auch die Regeln der meisten Oldschool-Rollenspiele vergleichst. In heutigen Regelversionen tauchen Mietlinge gar nicht mehr auf und in den meisten Retroklon3-Spielen wird das Thema wiederum als stillschweigend bekannt vorausgesetzt.
Im klassischen Spiel waren Charaktere deutlich âvulnerablerâ als die Superheld:innen heutiger Editionen, die selbst auf Stufe 1 selten etwas aus den Stiefeln haut⊠Entlastung, welcher Art auch immer, war im klassischen Spiel daher viel relevanter: Sei es das Vermeiden von KĂ€mpfen durch Diplomatie oder Tricks, das deutlich vorsichtigere und geplantere Erkunden gefĂ€hrlicher unbekannter Gebiete, oder eben das Rekrutieren von VerstĂ€rkungen.
Warum der ganze Aufwand?
Mietlinge haben einige nĂŒtzliche Eigenschaften:
Gruppe verstÀrken
Ist deine Gruppe gerade ersatzgeschwÀcht? Oder weià die Gruppe bereits, dass das nÀchste Abenteuer ein paar besonders knackige Herausforderungen bereithÀlt?
Dann könnten sich die MĂŒhe und die Kosten evtl. lohnen: Denn wenn der erwartete Erfolg hoch genug ausfĂ€llt, könnten die Extrakosten fĂŒr die Rekrutierung und BeschĂ€ftigung der Mietlinge nicht so sehr ins Gewicht fallen.
LĂŒcken schlieĂen
Auch an sog. Offenen Spieltischen4 können Mietlinge helfen, LĂŒcken zu schlieĂen. Wenn an einem Abend die GruppenstĂ€rke geringer als fĂŒr eine Herausforderung sinnvoll ausfĂ€llt, können Mietlinge helfen, die Gruppe zu verstĂ€rken. Und am nĂ€chsten Spielabend ist die Gruppe vielleicht schon wieder stark genug und kann auf die VerstĂ€rkung verzichten.
Dann gibt es natĂŒrlich Gruppen, in denen niemand Kleriker:in oder Dieb:in sein möchte⊠gegen Einwurf einiger MĂŒnzen könnte dann ein Mietling diese vakante Stelle ĂŒbernehmen.
Es soll auch schon vorgekommen sein, dass aus Mietlingen feste Gruppenmitglieder wurden. Diese Möglichkeit wurde von Gygax und Arneson damals vielleicht noch nicht in dieser Form vorgesehen, aber wenn ein SC nicht mehr aus dem Dungeon zurĂŒckkehrt, soll schon mal ein Mietling zum SC aufgestiegen sein.
⊠und die Nachteile
- Kosten: Mietlinge kosten Geld. Manchmal auch zweifach: Je nach âDienstvertragâ ist neben dem Sold auch noch ein Anteil an gefundenen SchĂ€tzen einzukalkulieren.
- Zeit: Wenn die Spielleitung das Anwerben wie oben beschrieben verlangt, ist das mit einigem Zeitaufwand verbunden. KĂ€mpfende oder diebische Mietlinge dĂŒrften noch relativ leicht aufzutreiben sein. Bei geistlichen NSC wird es schon schwieriger, falls es nicht gemeinsame Interessen gibt (wie z. B. das böse Monster in der Mitte des Dungeons, das neben lockenden SchĂ€tzen dummerweise immer wieder Teile der lokalen Bevölkerung entfĂŒhrt). Und Zauberkundige könnten so seltene und begehrte Spezialist:innen sein, dass die Gruppe tatsĂ€chlich Boten mit besonders lukrativen Angeboten in entfernte Gegenden entsenden muss, um solche KoryphĂ€en in ihren Reihen begrĂŒĂen zu können.
- Moral: Mietlinge sind auch nur Menschen (meistens zumindest). Und sie wollen wie solche behandelt werden. In manchen Gruppen soll es ĂŒblich sein, Mietlinge in KĂ€mpfen als âMonsterfutterâ bzw. leicht entbehrliche HilfskrĂ€fte in die erste Kampfreihe zu stellen. Neben einer gewissen GleichgĂŒltigkeit der Gruppe gegenĂŒber ihrem Umfeld schwingt da sicherlich der Gedanke mit, dass mit toten Mietlingen keine SchĂ€tze geteilt werden mĂŒssen.
Das kann je nach Spielleitung aber eine echte Kehrseite haben: Es gibt zwar in den meisten Spielwelten keine Mietlinggewerkschaft, die zu Streiks aufrufen kann. Aber gleichgĂŒltige oder ausbeuterische Gruppen werden in den meisten Kampagnen rasch einen schlechten Ruf weg haben. Und welche Mietlinge wollen schon bei einer Abenteuergruppe anheuern, in der die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Rekrutierung in Tagen gemessen wird?
Das kann unterschiedliche Konsequenzen fĂŒr die Gruppe haben:
- Boykott (âIn diese Monsterhöhle gehen wir nicht mit. Das ist uns zu gefĂ€hrlich. Und fĂŒr diese Almosen schon gar nicht!â),
- schlechte Kampfmoral (wenn ein Kampf hart wird, geben die Mietlinge Fersengeld) und
- Schwierigkeiten beim Anwerben (âFĂŒr euch arbeiten? Hier wurde nicht vergessen, was Sera und Vanyan widerfahren ist!â).
Verwendung im Spiel
Eben war von Söldnern oder spezialisierten Berufen wie klerikalen Charakteren und Zauberkundigen die Rede. Es gibt aber viel banalere TĂ€tigkeiten. Hier ein Ăberblick:
- TrĂ€ger sorgen dafĂŒr, dass die Gruppe mehr AusrĂŒstung ins Abenteuer mitnehmen und mehr SchĂ€tze von dort wieder heimbringen kann. Wichtig: Da ja die o.g. âMonsterâ alles mögliche umfassen können: Das können menschliche TrĂ€ger oder ganz banal Mulis, Kamele oder ein kleiner Karren mit Zugtieren und Fuhrmann sein (je nach Gruppenkasse und Möglichkeiten im Abenteuer).
- FackeltrÀger sind in Dungeons sehr praktisch. Wenn ein Charakter eine Laterne oder Fackel trÀgt, dann ist eine seiner HÀnde belegt und kann nicht zum Untersuchen eines Schlosses, EntschÀrfen einer Falle oder zum KÀmpfen verwendet werden.
- Söldner: Gut, die sind zum KĂ€mpfen da und können die Gruppe auf diese Weise entlasten oder bestimmte Herausforderungen ĂŒberhaupt erst bewĂ€ltigbar machen.
- Spezialisten: Das kann wirklich alles umfassen. Vom Kleriker, der verletzte Charaktere heilen und Untote vertreiben kann, ĂŒber Zauberkundige, die in vielen Situationen einen passenden Zauber beisteuern können, bis hin zu Gelehrten, Spionen oder sogar Assassinen fĂŒr spezielle Aufgaben.
Wieviele sind genug?
Gygax und Arneson reden von âeinen oder mehrerenâ Mietlingen. Und so wĂŒrde ich das auch handhaben. Zu viele NSC machen das Spiel dann doch etwas langsam und umstĂ€ndlich. Als Faustregel in meinen Gruppen hat sich bewĂ€hrt, dass es nicht mehr als ein bis zwei je Gruppenmitglied sein sollten. Denn:
Wer spielt die Mietlinge?
In meinen Gruppen spielen die Gruppenmitglieder die Mietlinge mit. Das ist am einfachsten. Die Spielleitung achtet nur darauf, ob die Mietlinge auch mit allen Entscheidungen einverstanden sind. Wenn schon mehrere KĂ€mpfe fĂŒr die Mietlinge ungĂŒnstig verlaufen sind, dann könnte die Spielleitung einwerfen, dass sie das nicht mehr lĂ€nger so mitmachen werden.
Eine Art geteilte Verantwortung fĂŒr die Mietlinge funktioniert also in der Praxis ganz gut. Dass ich hier so viel auf Eigenerfahrungen und nicht auf weitere Regelabschnitte verweise, zeigt, dass die Meinungen hier etwas weniger gefestigt sind. Eure Eigenerfahrungen könnt ihr gerne unten in den Kommentaren teilen!
Das
Swords & Wizardry-Gesamtregelwerk, ein Retroklon der Ur-
D&D-Version.
Und was sind Gefolgsleute und Spezialist:innen?
Grenzen wir doch die Mietlinge zu den ganzen Groupies und Hausgeistern ab, die es zusÀtzlich im Spiel gibt:
- Gefolgsleute wurden schon oben im Regelzitat erwĂ€hnt. In den meisten mir bekannten Oldschool-Spielen ist der Begriff enger definiert: Da sind jene NSC mit Klassenstufen gemeint, die ab einer gewissen Stufenhöhe aus freien StĂŒcken einem SC âzulaufenâ, echte Groupies halt. Ein Beispiel ist die WaldlĂ€ufer-Klasse in Swords & Wizardry, bei der sogar genau angegeben ist, wie viele Gefolgsleute welcher Klassen auszuwĂŒrfeln sind. Sie sind eher auf höheren Stufen (ab ca. SC-Stufe 9) anzutreffen.
- Mit Spezialist:innen sind oft âstationĂ€reâ Mietlinge gemeint, die am ausgebauten HeimatstĂŒtzpunkt der Charaktere (meist âFestungâ genannt) beschĂ€ftigt werden. Das kann dann von der Schmiedin, ĂŒber Dienstpersonal bis hin zu Gelehrten alles mögliche umfassen. Swords & Wizardry widmet z. B. im Festungskapitel einen ganzen Abschnitt allerlei Gefolgsleuten und deren Unterhaltskosten. Sprich: Auch sie kommen vorwiegend auf höheren Stufen ins Spiel.
Regelbuchpassage ĂŒber Spezialist:innen (
Swords & Wizardry Gesamtregelwerk, S. 65)
Fazit
Gebt Mietlingen eine Chance! Sie bereichern das Spiel, helfen schwache Gruppen zu verstÀrken und geben der Gruppe einen stÀrkeren Spielweltbezug. Jawohl: Das Anwerben geschieht nicht im luftleeren Raum. Die Gruppe sollte sich Gedanken machen, welche Mietlinge sie wo findet und womit sie sie zur Arbeit in der Gruppe motivieren kann.
Und selbst wenn die Rekrutierung abstrahiert wird (âIhr sucht also nach zwei KĂ€mpfern? Ihr macht einen Aushang und es meldet sich eine erfahrene Sergeantin und ein abenteuerlustiger StadtwĂ€chter bei euch.â), sollten die BedĂŒrfnisse und Motivationen der Mietlinge nie ganz ausgeblendet werden: Sie können der Gruppe mit InfohĂ€ppchen oder sogar mit AufhĂ€ngern fĂŒr neue Abenteuer helfen. Und keine Gruppe will sich in einer brenzligen Spielsituation auf unzufriedene oder völlig verĂ€ngstigte Mietlinge verlassen mĂŒssen!
- Gygax & Arneson: D&D (1974), Book 1: Men & Magic, S. 12, âNon-Player-Charactersâ â©ïž
- Gygax: AD&D: Das offizielle Handbuch fĂŒr Spielleiter, S. 33 ff., âSöldlingeâ â©ïž
- Unter Retroklonen werden OSR-Rollenspiele verstanden, die eine bestimmte frĂŒhere klassische Spielversion möglichst detailgetreu emulieren. Vgl. hier. â©ïž
- Offener Spieltisch / âOpen Tableâ-Runden: Die Gruppe hat eine feste Startbasis, von der sie jeden Spieleabend startet und zu der sie am Ende des Abends wieder zurĂŒckkehrt. Dadurch muss nicht immer dieselbe Gruppe an jedem Abend aufbrechen: Die Zusammensetzung der Gruppe kann sich von Abend zu Abend Ă€ndern. â©ïž
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