Der Neo-Browser schmeckt nach der blauen Pille
Braucht die Welt noch einen KI-Browser? Der Anlass für diese Frage ist Neo. Dieses Surfprogramm wurde im Mai 2025 angekündigt und im Verlauf des Sommers den ersten Testnutzern zugänglich gemacht. Seit Dezember ist er für Windows und Macintosh verfügbar.
Der Browser stammt von Gen Digital. Wenn es euch wie mir geht, habt ihr diesen Namen nie zuvor gehört. Das Unternehmen, das ihn trägt, hat indes eine bewegte Vergangenheit: Es existiert seit 1982 und bediente uns unter dem ursprünglichen Namen Symantec über viele Jahre mit Produkten gegen Viren, Malware und digitale Bedrohungen aller Art. Ich bekam es Ende der 1990er-Jahre mit diesen Sicherheitsprogrammen zu tun. Sie genossen unter dem Markennamen Norton einen guten Ruf. Denn der ursprüngliche Erfinder, Peter Norton, war ein aufrechter Informatiker.
Ein jahrzehntelanger Niedergang
Nach der Übernahme 1990 durch Symantec nahm die Misere in den Nullerjahren ihren Lauf. Heute würde man von einer Enshittification sprechen: Die Programme wurden mit immer neuen Funktionen zu Security Suites aufgebläht und gelangten als «Crapware» vorinstalliert mit dem Betriebssystem auf die brandneuen PCs. Das mussten die User zähneknirschend akzeptieren, da Windows von Haus aus nicht ausreichend geschützt war. 2013 änderte sich das: Windows 8 enthielt erstmals einen eingebauten Schutz vor Schadsoftware, der sich bald als völlig ausreichend entpuppen sollte. Ab da drehte der Wind und die Sicherheitsprogramme gerieten selbst in Verruf.
Das ehemals lukrative Geschäftsfeld der Sicherheitsprogramme schrumpfte immer weiter. Der Umsatz blieb zwischen 2005 und 2025 zwar ungefähr stabil bei vier Milliarden. Doch der Anteil des Consumer-Segments sank von 48,5 Prozent auf mutmasslich nicht viel mehr als null.
Kein Wunder, dass sich Symantec nach einem neuen Betätigungsfeld umsehen musste. Symantec versuchte es 2022 mit einem Cryptominer. Im selben Jahr fusionierte das Unternehmen aus Arizona mit dem tschechischen Hersteller Avast, dessen Produkte ähnlich aufdringlich waren wie die von Norton. Das war die Gelegenheit für die Umbenennung in Gen Digital.
Die Sache mit dem Datenschutz ist schwierig – auch wenn Neo hier ein klares Versprechen abgibt.
Und links: die Ăśbersicht der offenen Tabs, per KI sortiert.
Grosse Versprechen zum Datenschutz
Der Name Norton lebt bis heute weiter – auch im neuen Browser. Der Hersteller verspricht nämlich:
Sie entscheiden, was gespeichert wird. Ihre Daten werden lokal vorgehalten und Norton sorgt fĂĽr deren Schutz.
Klingt gut, aber wie würde ein KI-Browser das gewährleisten? Natürlich, indem die Anfragen nicht irgendwohin ins Netz pumpt, sondern alle Arbeit möglichst auf dem Gerät erledigt. Dazu heisst es in den FAQ von Neo:
Die lokale Hybrid-KI führt Vorgänge, wann immer möglich, auf Ihrem Gerät aus: schneller, sicherer und standardmässig privat. Eine Verarbeitung in der Cloud erfolgt nur dann, wenn Sie das wünschen.
Diese Methode erinnert an Apple Intelligence. Sie hat ihre Schwächen, weil die lokalen Sprachmodelle weniger leistungsfähig sind als die in der Cloud. Doch mit Blick auf den Datenschutz sollten wir das akzeptieren: Gerade die agentischen Browser sind ein riesiges Risiko für die Privatsphäre. Sosehr ich die Funktionen von OpenAIs Atlas-Browser schätze, so wenig würde ich ihn mit allen meinen sensiblen Daten tatsächlich nutzen wollen. Das Konzept, sie möglichst in allen Situationen lokal zu verarbeiten, scheint mir das einzig Vertretbare zu sein.
Cloud ja oder nein? Die Angaben sind widersprĂĽchlich.
Das könnte uns zum Schluss verleiten, dass Neo unser KI-Browser der Wahl sein könnte. Doch um meinen eigentlichen Test mit dem Fazit zu beginnen, ist das leider nicht der Fall. Ich habe beim Test auf wesentliche Fragen keine Antwort gefunden: Läuft die KI tatsächlich lokal? Unter welchen Umständen werden Anfragen in der Cloud beantwortet?
In den Einstellungen bei KI-Innovationen heisst es in eklatantem Widerspruch zum Privacy-Versprechen:
Wenn du diese Funktionen verwendest, werden relevante Daten an Gen gesendet, um KI‑Funktionen zu erstellen.
Es könnte sein, dass sich diese Warnung nur auf die KI-gestützte Verlaufssuche bezieht, mit der die Surf-Chronik erschlossen wird. Oder auch nicht.
In den FAQs ist auch von den AI limits die Rede. Diese KI-Limiten würden während der Early-Access-Phase zwar nicht greifen, könnten aber später aktiviert werden. Sie wären überflüssig, wenn die KI lokal läuft. Ein lokales LLM leert den Akku des Laptops des Besitzers, generiert aber keine Last in einem Rechenzentrum. Dass sie prominent erwähnt werden, deutet für mich darauf hin, dass die Cloud bei der regulären Nutzung des Browsers eben doch so stark involviert würde, dass der Betreiber zusehen muss, die Kosten dafür im Rahmen zu halten.
Das wirkt alles sehr widersprĂĽchlich
Fazit: Mir ist Symantec, beziehungsweise Gen Digital viel zu wenig transparent. Selbst bei komplexen KI-Anfragen, die sich nach meinem Ermessen nicht lokal beantworten lassen, fragte mich Neo nicht oder nicht klar genug, ob ich eine «Verarbeitung in der Cloud» wünschen würde – wie das ausdrücklich versprochen ist. Fragezeichen setze ich beim Punkt, wie der Hersteller dereinst Geld verdienen will. In den FAQ heisst es, der Browser würde immer gratis bleiben, es bestehe aber die Möglichkeit, dass «später kostenpflichtige Premium-Features dazukommen». Da ich mich daran erinnere, wie aggressiv zu Symantec-Zeiten derlei Verkaufsoffensiven geführt wurden, ist für mich der Fall klar: So gewinnt man mein Vertrauen nicht.
Ein weiterer Negativpunkt besteht darin, dass Neo auf Chromium basiert, was für einen Browser mit echtem Schutz der Privatsphäre die falsche Code-Basis ist.
Es stecken einige gute Ideen in Neo
Und ja, das ist alles bedauerlich. Denn abgesehen von diesen grundsätzlichen Vorbehalten gefallen mir die folgenden beiden Konzepte ausgezeichnet:
Der Browser zeigt auf der Startseite bzw. bei einem neuen Tab ein Eingabefeld an, das aussieht wie der Promptbereich von ChatGPT oder einem anderen KI-Bot. Dennoch werden Eingaben in dieses Feld normal an Google weitergeleitet. Um eine Antwort der KI zu erhalten, klicken wir entweder auf den /-Knopf, oder wir betätigen den Schrägstrich auf der Tastatur. Das ruft das Snippets-Menü auf den Plan, das uns diverse Aktionen zur Auswahl anbietet¹. Durch Drücken der @-Taste erhalten wir eine Liste der offenen Reiter, die wir bei einer frei formulierten Anfrage als Kontext heranziehen können. Das leuchtet unmittelbar ein!
Die Reiter erscheinen bei Neo standardmässig in einer Leiste am linken Rand. Ist der Knopf Smart tab grouping eingeschaltet, werden die Reiter, natürlich wiederum per KI, automatisch passend gruppiert: Tagesanzeiger.ch und srf.ch landen in einer Gruppe News, Clickomania.ch und Heise.de werden unter Technology abgelegt. Duck Duck Go und Google kriegen das Label Search. Es gibt auch Productivity für Notion, Email für Gmail, Work für Slack, und so weiter. Die Gruppen werden automatisch farblich markiert und können per Klick auf die Bezeichnung ein- und ausgeklappt werden. Daran könnte ich mich gewöhnen.
Ausserdem gibt es in der Navigation das Events center, in dem Neo Erinnerungen bereithält, und die Rubrik Integrations für häufig benutzte Webanwendungen. In der steht bislang nur Discord zur Auswahl.
Die KI bleibt gelegentlich stecken
Bei einer geöffneten Website betätigen wir rechts oben den Knopf Neo Chat, um die KI zu bemühen. Sie erscheint in einer Leiste rechts und zeigt im Eingabefeld unten bei Context an, dass das Sprachmodell den Inhalt der Website für seinen Output heranzieht. Auch hier haben wir mittels @-Taste die Möglichkeit, dem Kontext weitere offene Reiter hinzuzufügen. Das eröffnet interessante Möglichkeiten: Wir öffnen mindestens zwei Artikel zum gleichen Thema und lassen die KI sie direkt vergleichen. Wir tragen Informationen aus mehreren Quellen zusammen.
Zumindest theoretisch: Bei meinem Test sollte Neo die Analysen der Trump-Rede am WEF von SRF und NZZ vergleichen. Eine Antwort gab es leider auch nach längerem Warten nicht.
Bei anderen Aufgaben war Neo erfolgreicher:
1) Artikel aufspĂĽren
Wie bei meinem Test von Atlas habe ich Neo gefragt, wann mein Blog zum letzten Mal ĂĽber ein computerhistorisches Thema berichtet hat. Im ersten Anlauf wurde nur die offene Startseite analysiert:
Aus dem bereitgestellten Seitenauszug (Beiträge 7.–22. Jan. 2026) ist kein eindeutig «computerhistorisches» Thema zu sehen.
Daraufhin bot mir die KI an, die ganze Website abzusuchen. Ich bestätigte das. Es kam folgende Nachfrage:
(Bevor ich suche) Meinst du die Website, aus deren Beitrag‑Liste du gerade den Auszug gepostet hast – soll ich diese Seite vollständig nach computerhistorischen Artikeln durchsuchen? Wenn ja, bestätige bitte kurz die Domain/den Namen der Seite (oder sag «ja, genau diese Seite»), dann starte ich die Websuche.
Damit könnte die oben erwähnte Abfrage gemeint sein, mit der ein Kontakt mit der Cloud bestätigt werden muss. Falls das der Fall sein sollte, müsste die Formulierung deutlich und klar ausfallen. Abgesehen davon liesse sich dieses Problem ohne Websuche agentisch lösen – genauso, wie es Atlas vorexerzierte: Dabei hat OpenAIs Browser via Navigation die entsprechende Kategorie aufgerufen und die entsprechenden Artikel präsentiert.
Neos Weg via Websuche ist erfolgreich und bringt die gewĂĽnschten Artikel zum Vorschein. Wie und ĂĽber welche Suchmaschine das geschieht, wird nicht transparent.
Diese Auskunft ist gut. Aber ob sie via Cloud erhoben wurde oder nicht, bleibt unklar.
2) Hilfe beim Shopping
KI-Browser werden gern als Shopping-Helfer angepriesen. Sie suchen automatisch nach den besten Angeboten im Web und können sie nach bestimmten Vorgaben automatisch erwerben. Ob das klappt, wollte ich mit einem verhältnismässig harmlosen Suchauftrag² herausfinden. Bei dieser Aufgabe musste Neo auf halbem Weg die Waffen strecken:
Du hattest geschrieben, ich solle ein Produkt unter 45 Franken in den Warenkorb legen. Ich kann zwar für dich nach passenden Artikeln suchen und dir direkte Links sowie eine Empfehlung geben, aber ich habe keine Möglichkeit, mich in dein Konto einzuloggen oder Artikel physisch in deinen Warenkorb bei digitec/brack zu legen.
Das heisst, dass Neo zwar verspricht, ein agentischer Browser zu sein – er könne Nachrichten versenden, Buchungen vornehmen oder Einstellungen ändern, heisst es in den FAQ –, aber dieses Versprechen bislang nicht einlöst. Es war nicht ersichtlich, dass der Browser tatsächlich Shopping-Websites abklappern würde. Stattdessen präsentierte er Links, die nach meinem Eindruck via Websuche erhoben worden waren, ohne dass dieses Mal eine explizite Warnung vor der Cloud-Nutzung erfolgt wäre.
3) Ein Google-Konto erstellen
Da ich mich nicht mit meinem angestammten Google-Konto anmelden wollte, gab ich Neo den Auftrag, einen neuen Account mit einer bestimmten Adresse einzurichten, selbsttätig ein Passwort zu wählen und die Log-in-Informationen im Passwortmanager abzuspeichern. Denn wäre es nicht toll, wenn diese lästige Arbeit von der KI erledigt würde? Für meine Arbeit wäre das eine riesige Erleichterung. Doch auch bei diesem Unterfangen kassierte ich eine Abfuhr:
Ich kann das Konto nicht selbst anlegen oder Passwörter in deiner Passwortverwaltung speichern, aber ich helfe dir gern Schritt für Schritt.
Damit liegt das endgültige Fazit auf der Hand: Derzeit ist Neo keine Alternative zu den existierenden Browsern – gleichgültig, ob mit oder ohne künstliche Intelligenz. Es lohnt sich aber, das Projekt im Auge zu behalten. Falls die Transparenz-Mängel ausgeräumt werden und Neo echte agentische Fähgkeiten entwickelt, verdient er eine zweite Chance.
Fussnoten
1) Das ist die Liste der Snippets:
- Erkläre es mir wie einem Fünfjährigen (Explain like I’m five)
- Vor- und Nachteile (Pros and Cons)
- Hintergrund zu diesem Thema (Background on this topic)
- Perspektive des Autors analysieren (Analyze autor’s perspective)
- Meinen Text verbessern (Improve my writing)
- Grammatikfehler korrigieren (Fix grammar mistakes)
- Neu formulieren (Rephrase)
- Meine Sprache vereinfachen (Simplify my language)
- Mehr Details hinzufuegen (Add more details)
- Kuerzen (Make shorter)
- Verlaengern (Make longer)
- Professioneller klingen (Sound more professional)
- Lockerer klingen (Sound more casual)
- Freundlicher klingen (Sound more friendly)
- Selbstbewusster klingen (Sound more confident)
- In einen Linkedin-Post umwandeln (Turn this into a Linkedin post)
- Vorschlag bestaetigen (Confirm proposal)
- Vorschlag ablehnen (Reject proposal)
- Nach weiteren Details fragen (Inquire for more details)
- Rabattcode finden (Find me discount code)
- Produkte vergleichen (Compare products)
- Mir helfen, besseren Code zu schreiben (Help me code better)
- Release Notes aus Github-PRs erstellen (Generate release notes from Github PRs)
- Nachrichten abrufen (Get news) ↩
2) Das war mein Shopping-Prompt:
Ich suche eine Box mit Zeitschaltuhr, in die ich mein Handy für eine Auszeit wegsperren kann. Sie sollte kompakt sein, und praktisch wäre es, wenn sie transparent wäre, sodass Benachrichtigungen auf dem Display erkennbar sind. Ausserdem würde ich eine Ladefunktion fürs Handy schätzen. Besuche Websites Schweizer Elektronikfachhändler wie digitec.ch und brack.ch, kläre ab, ob solche Produkte vorhanden sind, und liefere mir eine Übersicht mit den aktuellen Preisen. Falls du ein Produkt unter 45 Franken findest und es meinen Anforderungen entspricht, kannst du es in den Warenkorb legen. ↩
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